Frei denken!

Junge Köpfe, ein Think Tank und eine Reise nach Berlin

 

Der Lehrgang Generalstabs-/Admiralstabsdienst National 2017 an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg (Foto: Bundeswehr/Lene Bartel)

Der Lehrgang Generalstabs-/Admiralstabsdienst National 2017 an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg (Foto: Bundeswehr/Lene Bartel)

 

Während des zweijährigen Lehrgangs wird ein Überblick über das Gesamtsystem Bundeswehr vermittelt (Foto: Bundeswehr/Lene Bartel)

Während des zweijährigen Lehrganges wird ein Überblick über das Gesamtsystem Bundeswehr vermittelt (Foto: Bundeswehr/Lene Bartel)

 

Die Lehrgangsteilnehmenden kommen mit ihrer Fachkenntnis an die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg und erweitern ihr Wissen (Foto: Bundeswehr/Michael Gundelach)

Die Lehrgangsteilnehmenden kommen mit ihrer Fachkenntnis an die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg und erweitern ihr Wissen (Foto: Bundeswehr/Michael Gundelach)

 

 

 

 

95 Offiziere des Lehrgangs Generalstabs-/Admiralstabsdienst National reisen Ende August nach Berlin. Zwei Jahre intensive Zeit des Lernens liegt hinter ihnen. Eine gemeinsame, lehrgangsbegleitende Studienphase auch. Thema: Die Führungsorganisation der Bundeswehr im Kontext von Landes- und Bündnisverteidigung . Die Ergebnisse werden nun in Berlin vorgestellt und die Kernbotschaften dem Generalinspekteur der Bundeswehr übergeben.

 

Der Lehrgang Generalstabs-/Admiralstabsdienst National (LGAN) ist der zweijährige Spitzenlehrgang an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Hier wird das angehende Führungspersonal der deutschen Streitkräfte aus- und weitergebildet. Der LGAN gehört zu den längsten und auch vor allem anspruchsvollsten Lehrgängen an der Führungsakademie – der höchsten militärischen Ausbildungsstätte in Deutschland. Zur Teilnahme am LGAN werden nur die Besten eines Jahrgangs ausgewählt, zudem werden durch das Bundesministerium der Verteidigung auch Offiziere aus anderen NATO- und ausgewählten Partnerstaaten eingeladen. Zwei Jahre wird ihre militärische Fachexpertise geschult, werden sie auf Reisen weitergebildet und in zahlreichen Übungen für künftige Posten im Ministerium, in der NATO oder in Europa vorbereitet.

Während dieser Zeit sind die Lehrgangsteilnehmenden mit ihrer Expertise und ihrem Wissen seit neuestem zugleich auch Teil der Denkfabrik, deren Kern das „German Institute for Defence and Strategic Studies“ (GIDS) bildet. Das GIDS ist eine Kooperation zwischen der Führungsakademie und der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Seit mehr als vier Jahren betreiben Führungsakademie und Helmut-Schmidt-Universität den gemeinsam verantworteten Studiengang „Militärische Führung und Internationale Sicherheit“ (MFIS) – Herzstück und Motor des GIDS. Beide Institutionen schöpfen so auf vielfältige Weise Expertise, Wissen und Forschung für das GIDS: zum wechselseitigen Nutzen und mit zunehmend sichtbaren Ergebnissen.

Neu: Lehrgangsbegleitende Studienphase

Der LGAN 2017, der Ende August in Berlin seine Ergebnisse vorstellt, betritt, was die Studienphase angeht, Neuland. Bisher war es üblich, dass jeder LGAN am Ende seiner Ausbildung eine Studienphase zu einem bestimmten Thema durchführt und im Anschluss die Ergebnisse der Bundeswehrführung vorstellt. „Durch die Vorgaben der ehemaligen Bundesministerin der Verteidigung Ursula von der Leyen, die Lehre an der Führungsakademie weiterzuentwickeln und die Akademie durch das GIDS als Denkfabrik zu etablieren, wurde auch die Studienphase weiterentwickelt“, erklärt der Lehrgangsleiter Oberst i.G. Lars Gehlhaar.

Das bedeutet: Erstmalig fand die Studienphase lehrgangsbegleitend statt. Ziel ist es, mit den gebündelten Ergebnissen eines Themas zur strategischen Beratung des Verteidigungsministeriums und der Bundesregierung beizutragen. „Das Thema wurde dem Lehrgang durch den Generalinspekteur der Bundeswehr vorgegeben. Er sagte ausdrücklich: Denken Sie frei, ohne Grenzen! Mut zum Diskurs! Das hat der Lehrgang getan“, sagt Gehlhaar.

Neue Bedrohungen

Der Projektoffizier im Lehrgang, Major Eckner, erinnert sich: „Wir wurden im März 2018 mit der Bearbeitung des Themas beauftragt. Welchen Herausforderungen sieht sich die Führungsorganisation gegenüber? Wir sollten uns dabei auf die veränderten sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen, nämlich die Gleichrangigkeit und die Gleichzeitigkeit von internationalem Krisenmanagement und Landes- und Bündnisverteidigung, konzentrieren.“

Was bedeuten neue Bedrohungsszenarien wie Terrorismus, Cyberangriffe, hybride Bedrohungen und die Schutzbedürftigkeit kritischer Infrastruktur für die Bundeswehr und die Bundesregierung? Was passiert, wenn ein NATO-Partner angegriffen und der Bündnisfall ausgerufen wird? Was ist, wenn es einen Angriff auf unsere kritische Infrastruktur gibt und beispielsweise das Bankennetz zusammenbricht? Sind wir vorbereitet auf derartige Szenarien?

Komplexes Thema

Das Thema ist komplex. Die sicherheitspolitische Lage erfordert internationales Krisenmanagement und Landes- und Bündnisverteidigung gleichzeitig und gleichrangig zu gewährleisten. Das ist eine enorme Herausforderung – nicht nur, aber eben auch für die Bundeswehr. Das Projektteam des LGAN hat bei einer Vielzahl von Gesprächen mit zentralen Akteuren auf Bundes- und Landesebene ein umfassendes Bild über deren Überlegungen gewonnen, um Ableitungen für eine Führungsorganisation zu folgern.

Nun, Ende August, werden die Ergebnisse vorgestellt – erstmalig in Berlin. Erstmalig werden sie auch an zwei Tagen vorgestellt. Während der erste Tag die militärischen Führungsebenen und Verantwortlichkeiten betrachtet und somit den Fokus auf die Führungsorganisation der Bundeswehr legt, holt der zweite Tag weiter aus. Hier geht es auch um gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge bei hybriden Bedrohungen und den Schutz kritischer Infrastruktur in einem länder- und ressortübergreifenden Ansatz. Daher sind erstmals auch andere Bundesressorts, -länder, Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben geladen. Die Teilnehmerliste ist lang. Unter einer Vielzahl von hochrangigen Gästen haben sich unter anderem der deutsche Botschafter bei den Vereinten Nationen und der Innenminister aus Mecklenburg-Vorpommern angekündigt.

Gelebter Think Tank

Oberst i.G. Prof. Dr. Matthias Rogg, Vorstand des GIDS, sieht die Neustrukturierung der Studienphase im LGAN auch als große Chance für das GIDS: „Wir entwickeln uns schrittweise zu einem lebendigen Think Tank. Früher sind die Ergebnisse der Studienphase in Schubladen verschwunden. Jetzt wollen wir sie sichtbar und nutzbar machen und dazu unter anderem unsere Formate im GIDS nutzen.“ So werden die Ergebnisse im Anschluss durch das GIDS veröffentlicht. Aus den Untersuchungen haben sich Empfehlungen für die Bundeswehrführung herauskristallisiert. „Wir haben einige Kernbotschaften, die wir dem Generalinspekteur der Bundeswehr übergeben werden. Die betreffen nicht nur das Ministerium, sondern auch die ressort- und länderübergreifende Zusammenarbeit“, erklärt Eckner. Ganz im Sinne einer Denkfabrik: Mut zum Diskurs auf der Basis von Forschung und kritischer Beratung.

"Das ist natürlich alles noch im Prozess der Entwicklung. Aber Ziel ist es, dass sich die Führungsakademie mit ihrer militärfachlichen Expertise eng mit dem GIDS verzahnt. Denn letztlich sind all die Lehrgangsteilnehmenden an der Führungsakademie zusammen mit den Studierenden der Helmut-Schmidt-Universität, die den gemeinsamen Studiengang MFIS besuchen, Teil der Denkfabrik. Auf diesem kreativen Miteinander fußt alles“, erklärt GIDS-Vorstand Rogg. Der Lehrgangsleiter Gehlhaar ergänzt hier: „Wir sind der erste Lehrgang, der mit dem GIDS zusammengearbeitet hat. Wir haben viel gelernt, was es nun in folgenden Lehrgängen zu implementieren gilt.“ Der erste Schritt sei getan. Und es sei ein guter Schritt, auf dem man weiter aufbauen kann.

 

 


Autorin: Victoria Eicker