CJEX – Großübung an der Führungsakademie der Bundeswehr


Autorin: Dr. Victoria Eicker

Fotografin: Lene Bartel

 

 

Vier Nationen – ein Szenario. In Hamburg fand Anfang Mai die multinationale Übung „Combined Joint European Exercise 2019“ (CJEX) an der Führungsakademie der Bundeswehr statt. Involviert: Der Lehrgang Generalstabs-/Admiralstabsdienst National (LGAN) sowie Delegationen aus Spanien, England und Italien – in allen vier Ländern übten angehende Spitzenoffiziere gemeinsam, eine Mission in Afrika zu meistern.

Alambara – ein fiktiver Staat in Afrika. Die Situation im Land ist fragil. Ethnische Konflikte und Streitigkeiten an den Staatsgrenzen destabilisieren die Region und bieten extremistischen Gruppierung Nährboden zum Gedeihen. Die humanitäre Lage spitzt sich zunehmend zu. Gleichzeitig erstarken rebellische Kräfte in Alambara und im Nachbarland Molovelo. Die Vereinten Nationen ersuchen die Europäische Union, ab dem 30. Juni 2019 für zwölf Monate die eingesetzte United Nations Monitoring Force zu unterstützen und die Situation vor Ort zu stabilisieren. Gleichzeitig ersucht auch die Regierung in Alambara die Europäische Union um Hilfe: Die Übung beginnt.

Mehr als 80 deutsche und internationale Soldatinnen und Soldaten nehmen an der multinationalen Übung „Combined Joint European Exercise 2019“ (CJEX) an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg teil. Offiziere aus dem LGAN, sowie Delegationen aus Italien, Spanien und England planen eine Woche lang eine Stabilisierungsoperation in Alambara. Ebenso sind Delegationen der Führungsakademie nach Rom, Madrid und Shrivenham gereist. Die Übung findet an vier Standorten gleichzeitig statt. Der Name Alambara hallt eine Woche lang – mal ruhig, mal aufgeregt – durch vier europäische Militärakademien, die allesamt ihren Führungsnachwuchs auf multinationale Einsätze vorbereiten.

NATO-Planungsprozess üben

„Es handelt sich bei CJEX um eine multinationale, streitkräftegemeinsame Stabsübung, die seit 2000 jährlich und immer parallel an den beteiligten Militärakademien stattfindet“, erklärt Generalmajor Oliver Kohl, Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr. „Diese Multinationalität stellt einen Grundpfeiler der Ausbildung für die zukünftigen Aufgaben der Generalstabs- und Admiralstabsoffiziere dar, weil Abläufe und Prozesse gemeinsam für den Ernstfall geübt werden.“ Mit Abläufen und Prozessen ist insbesondere der operative NATO-Planungsprozess gemeint.

„Die sogenannte Comprehensive Operational Planning Directive ist ein NATO–Entscheidungsfindungsprozess für die strategische, operative aber auch oberste taktische Ebene. Es handelt sich um eine Art Kochbuch, wenn man das einem Nicht-Militär erklären will. Diese Direktive beschreibt, wie im Rahmen der Planung einer Operation vorzugehen ist und wie sich die Abhängigkeiten auf den verschiedenen Führungsebenen während der Planung darstellen“, erklärt Oberst des Generalstabes Michael Exeli, der Leiter der Übung. Am Ende mag das Ergebnis der Planung dieser Stabilisierungsoperation nicht bei allen dasselbe sein. Aber die Vorgaben und das Ziel sind gleich. Um im Bild zu bleiben: Das Gericht schmeckt nicht identisch, das Rezept und die Zutaten waren für alle gleich, die jeweilige Dosierung aber nicht.

Sieben Tage Anspannung

Zurück zur Übung: In Hamburg werden die rund 80 Lehrgangsteilenehmenden in vier Gruppen zu je knapp 20 Teilnehmenden aufgeteilt – immer multinational. Alle haben denselben Auftrag. In den Gruppen sind alle Elemente abgebildet, die man auch tatsächlich für die Planung einer Militäroperation braucht: Die Operationsplaner, Nachrichtendienste, Logistik, zudem alle Teilstreitkräfte wie Heer, Marine, Luftwaffe und Spezialeinsatzkräfte. Morgens um acht Uhr geht es los: Briefings, Recherche, Planung. Sieben Tage lang. Die Stimmung ist gut, es wird gelacht, aber auch hart diskutiert, abwägt, abgestimmt. Zu Unstimmigkeiten kommt es auch. Aber nur kurz. Auch das ist Teil der Übung: Das Arbeiten in multinationalen Stäben.

„Der Auftrag lautet, das Land zu stabilisieren, so dass in einem Jahr die Transformation zu einer robusten Peacekeeping Operation – sprich Friedensmission – gelingt. Das heißt zunächst, die humanitäre Situation zu stabilisieren, die Grenze zum Nachbarstaat zu sichern, Polizei und Militär zu beraten, auszubilden und zu begleiten“, erklärt Major Sebastian Kiefer, Teilnehmer des LGAN und in der Übung in seinem Team mitverantwortlich für die Ausplanung der Mission. Der NATO-Planungsprozess ist dabei eine feste Entität. Die meisten NATO-Länder nutzen ihn. Er schreibt vor, wie man eine Operation plant. Das wird derzeit auch für EU-Missionen genutzt – so wie es in dieser Übung geschehen soll.

Multinationale Zusammenarbeit

„Wir nutzen zwar den NATO-Planungsprozess, wenn wir Missionen planen, auch im europäischen Kontext, aber gerade der europäische Ansatz hat andere Nuancen in der Ausführung. Wir setzen auf die Balance der Selbstverantwortlichkeit und sind unparteilich gegenüber den Akteuren und den Fraktionen. Der Ansatz zur Lösung muss aus der Region selbst kommen, wir unterstützen dabei nur“, erklärt Kiefer. Während des zwei Jahre dauernden LGAN hat der junge Major den Planungsprozess bereits dreimal angewendet – zunächst einmal in seiner Teilstreitkraft, dem Heer, dann teilstreitkräftegemeinsam und nun teilstreitkräftegemeinsam und multinational. „Der Planungsprozess sitzt jetzt erstmal“, sagt er lachend.

Die Übung hat aber noch einen Zweck: Sie ist multinational und soll den angehenden Spitzenoffizieren das Agieren in internationalen Stäben erlebbar machen. Die Offiziere an der Führungsakademie, die an CJEX teilnehmen, kommen aus 18 unterschiedlichen Nationen. „Das fordert von uns durchaus interkulturelle Kompetenz ab“, sagt Kiefer. Spanier und Italiener arbeiten unter Umständen anders oder setzen andere Akzente. Major Fernando Tribiño Fernández ist aus dem spanischen Madrid angereist, um in Blankenese an der Übung teilzunehmen. „Wir funktionieren hier als Team sehr gut, alle gehen mit großem Respekt miteinander um und die unterschiedlichen Perspektiven – auch wenn man aus einer anderen Nation kommt – werden alle berücksichtigt“, sagt er. Natürlich arbeite man in Deutschland anders. „Am meisten bewundere ich die unerschütterliche deutsche Pünktlichkeit“, sagt der spanische Offizier mit einem Lächeln. „Gut, die Südländer können dafür wirklich auch mal improvisieren“, sagt wiederum Kiefer. „Begeistert bin ich von den Briten. Sie haben einen eigenen nationalen Planungsprozess, der ist aber so ähnlich, dass sie hier richtig gut mitgestalten konnten.“ Am Ende geht die Planung Hand in Hand, denn es geht darum, gemeinsam eine Lösung zu finden.

Aus einer Menge Information die beste Lösung

Das betont auch Übungsleiter Exeli: „Es geht natürlich um die Zusammenarbeit, darum, einen Prozess gemeinsam zu durchlaufen und gemeinsam eine Lösung zu finden“. Multinationale Zusammenarbeit könne man nicht theoretisch unterrichten. „Das muss man selber erfahren, das muss man erleben, wie es ist, in einem Stab mit mehreren Nationen gemeinsam eine EU-Operation zu planen“, erklärt Exeli. Begleitet wird jede Gruppe durch einen Force Commander und Senior Mentor. Dabei handelt es sich um einen erfahrenen, pensionierten General oder Admiral. Gleichzeitig können die Übungsteilnehmerinnen und –teilnehmer auch unterschiedliche Berater zu Rate ziehen. So stehen ihnen etwa Rechtsberater oder Experten aus der zivilmilitärischen Zusammenarbeit zur Verfügung. Ihnen liegt zudem ein Fundus an geographischen, nachrichtendienstlichen und politischen Informationen zur Verfügung, welche die Lage untermauern und sie greifbar machen.

Die jungen Stabsoffiziere in Hamburg müssen im Sinne eines vernetzten Ansatzes den militärischen Teil der Stabilisierungsoperation planen. Und tatsächlich: Am Ende steht ein Konzept zur Herstellung eines sicheren Umfeldes, zur Unterstützung der lokalen Sicherheitskräfte, zur Verbesserung der humanitären Situation – um nur einige Ergebnisse des Planungsprozesses zu nennen. Aber darauf kommt es gar nicht an. „Wichtig war vor Allem die multinationale Zusammenarbeit und dass wir gemeinsam Lösungen finden konnten“, sagt Kiefer. Er wird in seiner Anschlussverwendung für zwei Jahre ins spanische Valencia auf einen NATO-Dienstposten versetzt. Auf die interkulturellen Herausforderungen ist er nun sicher ein stückweit besser vorbereitet.

Neben der Führungsakademie der Bundeswehr, die in diesem Jahr als „Lead Nation“ die Übung federführend ausrichtete, nahmen das Joint Services Command and Staff College in Shrivenham, das Instituto Superiore di Stato Maggiore in Rom und die Escuela Superior de las Fuerzas Armadas in Madrid teil.