Autor: Dr. Ralf Hartmann; Fotograf: Bundeswehr

Hamburg, 20.02.2019

Bundesministerin der Verteidigung, Ursula von der Leyen, beim Besuch in China

Das chinesische Militär spielt eine große Rolle

Bundesministerin der Verteidigung, Ursula von der Leyen, empfängt die Verteidigungsministerin der Republik Indien, Nirmala Sitharaman, im Februar 2019

Die maritime Sicherheit betrifft den indischen Ozean genauso wie die Bundesrepublik Deutschland

Ein riesiges geografisches und geopolitisches Gebiet behandelten die Teilnehmer im Seminar Geopolitik an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Genauso breit aufgestellt waren auch die Referenten: Von Stiftungen über ehemalige Mitarbeiter von Regierungsorganisationen bis zur Helmut-Schmidt-Universität und der Offizierschule in Dresden reichte die Expertise. Kein Wunder, galt es doch, brisante Themen zu besprechen. Vom 17. bis 20. Dezember 2018 wurde an der Führungsakademie unter der Leitung von Oberstleutnant Dr. Ralf Hartmann und Fregattenkapitän aD Dr. Hartmut Klüver das Seminar Geopolitik „Der indopazifische Raum. Regionale Entwicklungen von globaler Bedeutung“ durchgeführt. Das stark nachgefragte Seminar mit langer Warteliste beschäftigte sich teils tagesaktuell mit den geopolitischen Strukturen und Entwicklungen im indo-pazifischen Raum. Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch den Fakultätsleiter Direktor Jörn Thiessen führte Oberstleutnant Priv.-Doz. Dr. Robert Riemer (OSH Dresden) in seinem Vortrag zunächst in die politische Geschichte dieses Raumes ein. Nach einem kurzen Abriss der älteren Geschichte befasste er sich eingehend mit der Entwicklung vor allem seit dem 2. Weltkrieg, die viele Umbrüche brachte und bis heute andauernde Krisen etwa in Kaschmir, Tibet oder den Himalaya-Staaten zur Folge hatte.

China und die Tibetfrage

Über die intensiven chinesischen Bemühungen zur Erschließung des Landes referierte Ministerialrat Oberstleutnant Dr. Martin Grosch. Er wies neben der politisch-historischen Entwicklung auch auf die anhaltendenden Schwierigkeiten der einheimischen tibetischen Bevölkerung hin. Diese gerät bei weiterhin starkem Zuzug chinesischer Bevölkerung zunehmend in eine Minderheitenposition. Grosch zog die Zuhörer mit zahlreichen Bildern und mit eigenem Erleben in die Materie und konnte so die rasante Veränderung der Verhältnisse in der fernen Gegend anschaulich machen.

Südasien - Geschichte und Konfliktlinien

Schnell fasste Ministerialrat a. D. Hans-H. Dube China auf und führte die Teilnehmer nach Südasien. In seinem Vortrag “Südasien - kurze Geschichte und Konfliktlinien“ skizzierte er in Kürze die Entwicklung im Raum Pakistan, Afghanistan und China. Der Referent war viele Jahrzehnte für die Bundesregierung und die GIZ in diesem Gebiet tätig, so auch fünf Jahre in Kabul. Als eigene Quelle zeichnete er ein detailreiches, durch eingespielte eigene TV-Interviews angereichertes Bild dieses nach wie vor von zahllosen Interessen und daraus erwachsenden Konflikten erschütterten Raumes. Wie die Zuhörerreaktionen zeigten, gelang es ihm, vor allem die zahllosen Konflikte in ihrer Entstehung und Entwicklung herauszuarbeiten und die hier nach wie vor akuten politischen Probleme in ihren möglichen Auswirkungen deutlich zu machen.

Konkurrenzdenken: Indiens Außen- und Sicherheitspolitik

Schon ging es wieder zurück zum Nachbarstaat. Über „Indiens Außen- und Sicherheitspolitik“ berichtete Frau Prof. Dr. Sandra Destradi, Dozentin der Helmut-Schmidt-Universität. Außenpolitisch befindet sich Indien in der Region Südasien und in der erweiterten Nachbarschaft der Region des Indischen Ozeans und ist zusehend der Konkurrenz der asiatischen Macht China ausgesetzt. Indien verfolgt eine Politik der „strategischen Autonomie“ und hat in den vergangenen Jahren geschickt seine Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Akteuren ausgebaut - ohne sich zu stark an die einzelnen Partner wie USA, EU, Russland, Iran oder die anderen aufstrebenden Großmächte zu binden. Destradi schilderte eindrucksvoll diesen eigenen Weg Indiens auch vor dem Hintergrund der demografischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Ebenso wies sie deutlich auf die zukünftig erwachsenden Probleme gerade im Verhältnis zu China und Konflikten im Himalaya als Einflussfaktoren der Politik hin.

Indiens und Chinas Entwicklung 

Dr. Habil. Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin knüpfte nahtlos an und ging auf „Indien und China“ mit Blick auf Innovation und Demografie ein. Er verdeutlichte, dass beide Länder zwar fast die gleiche Bevölkerungsgröße haben, jedoch China in der Entwicklung mittlerweile um Jahre voraus sei. Während Indien eine eher zurückhaltende Sicherheitspolitik verfolge, tritt die Volksrepublik China zunehmend aggressiver auf und verfolgt ihre Interessen im Himalaya und teils zusammen mit Pakistan nachhaltig. Das hier bestehende Konfliktpotenzial sei nicht zu unterschätzen, seien doch alle drei Nachbarländer Atommächte, machte Wagner klar. 

Die Neue Seidenstrasse – Politik durch Handel

Unter dem Titel „Die neue Seidenstrasse. Wiederauflage des alten „Great Game“ oder vielversprechende globale Entwicklungsstrategie?“ befasste sich Oberstleutnant i.G. Jörg Barandat mit dem chinesischen Leuchtturmprojekt dieses Jahrhunderts. Die Neue Seidenstrasse soll nach chinesischer Darstellung vor allem dem Ausbau des Handels und der internationalen Beziehungen dienen. Zunehmend mehren sich aber kritische Stimmen, die vor den Folgen des Projektes warnen. Zahlreiche Länder im Verlauf dieser geplanten Land- und Seeverbindungen verfügen nicht über die Mittel, um den Ausbau ihrer Straßen und Häfen zu finanzieren. Hier bietet China scheinbar günstige Kredite an, die teils schon mittelfristig in eine Schuldenfalle führen, aus der nur die langfristige Verpachtung von Häfen, Eisenbahnlinien und anderen Infrastrukturen führt. Sie fallen dadurch dem Zugriff Chinas zum Opfer. Zugleich ergibt sich auch eine politische und wirtschaftliche Abhängigkeit der betroffenen Staaten in Asien und Afrika.

Kaschmir-Konflikt

Kaum war ein Konflikt behandelt, tauchte flugs der nächste auf. Dem Kashmir-Konflikt, eine seit der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans bestehende Auseinandersetzung, nahm sich Oberstleutnant Dr. Martin Pabst vor. Er stellte Hintergründe und Akteure, den aktuellen Stand des Konfliktes und die Ziele der Beteiligten, zu denen auch hier wieder China gehört, vor. Zugleich arbeitete er heraus, welche regionalen und globalen Auswirkungen der Konflikt birgt, die dieses ungelöste Problem bislang aufweist und möglicherweise auch in Zukunft noch entfalten könnte.

Immer wieder China als regionale Hegemonialmacht

Die Macht in Ostasien beschäftige die Teilnehmer intensiv über zwei Seminartage. Der Donnerstagvormittag begann mit einem Vortrag von Oberst Hans Hundt über die Rolle Chinas als regionale Hegemonialmacht und Global Player. Der ausgewiesene Chinaexperte, der das Land seit Jahrzehnten kennt, zeichnete ein farbiges und äußerst interessantes Bild einer großen historischen Nation im Aufbruch, deren Ambitionen von den Nachbarstaaten aber zunehmend als Gefahr wahrgenommen werden. Damit verdichtet sich das Bild über den indopazifischen Raum.

Tagesaktuell: China`s Five Fingers in the Himalayas

Der letzte Vortrag des Seminars hatte „China`s Five Fingers in the Himalayas“ zum Thema. Dr. Andreas Dittmann, Professor am Geographischen Institut der Julius-Liebig-Universität in Gießen reiste am frühen Morgen direkt aus Singapur an und erreichte nach einigen Verzögerungen aufgrund eines verpassten Anschlusses auf die Minute genau die Führungsakademie. Seine tagesaktuellen Ausführungen beschäftigten sich intensiv mit den chinesischen Bemühungen um eine Ausweitung seines Einflussgebietes, aber auch mit den speziellen Problemen in den teils umstrittenen Grenzräumen zu Pakistan, Indien und den kleinen Himalaya-Staaten Nepal und Bhutan.

Maritime Sicherheit im indischen Ozean

Der indopazifische Raum wird auch durch zahlreiche Gewässer bestimmt. Die maritime Sicherheit ist mittlerweile auch im globalen Rahmen eine existentielle Frage geworden, führen doch die bedeutendsten Handelsrouten durch den indischen und pazifischen Ozean. Wie es um die Sicherheit der Seerouten im indischen Ozean bestellt ist zeugte Kapitän zur See a.D. Heinz Dieter Jopp auf. Jopp, Direktor der Carl Friedrich von Weizsäcker-Stiftung und früherer Leiter des Fachbereichs Sicherheitspolitik und Strategie der Führungsakademie und Publizist zählt somit zu den Fachleuten auf diesem Gebiet. In Deutschland wird die Frage nach der Sicherheit der Seewege bislang kaum diskutiert. Aktuell werden diese Handelswege nur durch Piraterie gefährdet. Denkbar sind aber auch politische Entwicklungen, in deren Verlauf die verschiedenen „Nadelöhre“ dieser Seewege - z.B. das Bab el Mandeb, die Malakka-Straße oder andere - gesperrt werden könnten. Dies hätte erhebliche Auswirkungen auch auf die Versorgung Europas und damit auf die Versorgung in Deutschland.

Hamburg und die Wirtschaft des Indo-Paz. Raums / Sicherheitsempfindliche Infrastruktur

Maritime Sicherheit spiegelte sich auf einer Exkursion wider. Die Teilnehmer konnten sich in der Praxis mit der Entwicklung des Hamburger Hafens, aber auch dem Problem der sicherheitsempfindlichen Infrastruktur am Beispiel eines internationalen Großhafens vertraut machen. Unter der sachkundigen Führung von Oberstleutnant a.D. Dr. Thomas Palaschewski erkundeten sie mit Bus, Hafenfähre, zu Fuß und per U-Bahn Teile des Hamburger Hafens und setzten unterwegs verschiedene Schwerpunkte zu den Aspekten maritime Sicherheit.