Autor: Christoph Weigmann ; Fotos: Michael Gundelach

Hamburg, 05.07.2018

 


Brigadegeneral Oliver Kohl bei der Begrüßungsrede


Kommandeur Brigadegeneral Oliver Kohl, Oberst Boris Nannt, Professor Dr. Matthias Rogg und Professor Dr. Burkhard Meißner (v.l.n.r.)


Professor Dr. Burkhard Meißener, Vorstand GIDS


Generalintendant Wilfried Schulz


Das erste Panel: Teilnehmer in der Diskussion Moderator Jörn Thießen, Professor Dr. Klaus Beckmann, Monsignore Klaus Pfeffer, Wilfried Schulz (v.l.n.r.)


Teilnehmer Panel 2 in der Diskussion: Dr. Michael Vesper und Christian Toetzke (v.l.n.r.)


Das Panel 2 Moderator Hajo Seppelt, Staatsrat Christoph Holstein, Dr. Michael Vesper, Christian Toetzke


Lars Wichert, Goldmedailliengewinner


Das Panel 3: Moderatorin Ulrike Heckmann, Professor Dr. Klaus Töpfer, Harry Assenmacher, Professor Dr. Stefan Bayer

Mit Spannung erwartet wurde die erste Tagung „Strategie – outside the box“ der Denkfabrik an der Führungsakademie der Bundeswehr (FüAkBw). Wie jüngst mehrfach berichtet, hat diese Tagung im Vorfeld der offiziellen Gründung des German Institute für Defence and Strategic Studies (GIDS) am 29. Juni 2018 stattgefunden. In dieser Tagung wurde der erste wissenschaftliche Impuls des GIDS gesetzt.

Was ist Strategie?

Welche Bedeutung hat Strategie in den verschiedenen Bereichen von Politik, Gesellschaft und Kultur? Welchen Einfluss hat Strategie auf Entscheidungsprozesse? Wie wird Strategie rationalisiert, operationalisiert und kommuniziert? Und was kann die Bundeswehr daraus lernen? Mit diesen Fragen befassten sich 10 Expertinnen und Experten auf den Panels und rund 150 Tagungsbesucherinnen und Besucher beim offiziellen wissenschaftlichen Auftakt des neuen GIDS. In drei Panals wurden Strategien und deren Wirkungen thematisiert, die Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen, aus Kirche, Politik, Gesellschaft, Sport, Wirtschaft und Militär zur Diskussion stellten.

Auftakt durch Kommandeur

Herzlich begrüßt wurden die Gäste durch den Kommandeur der Führungsakademie, Brigadegeneral Oliver Kohl. Die Führungsakademie ist zusammen mit der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr (HSU) einer der beiden Kooperationspartner und Träger des GIDS. Die heutige Tagung findet dabei unter der Leitung der FüAk statt. Dafür wurde die Gründungsurkunde für das GIDS am Samstag an der HSU durch die Bundesministerin für Verteidigung, Dr. Ursula von der Leyen, unterzeichnet werden.

Leiter GIDS eröffnet

Die beiden Leiter des GIDS, Oberst Professor Dr. Matthias Rogg (FüAkBw) und Professor Dr. Burkhard Meißner (Netzwerk Internationale Konfliktanalysen an der HSU), leiteten thematisch in die Tagung ein. Dabei machte Oberst Professor Rogg die Zielsetzung des GIDS noch einmal deutlich. „Der Auftrag der Ministerin war klar formuliert: Beim GIDS geht es um strategische Beratung. Doch inhaltlich musste der Auftrag mit Leben gefüllt werden.“ Und er führte aus, dass es bei der inhaltlichen Aufstellung der Forschunfgsfelder des GIDS zunächst um eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Begriff „Strategie“ ging. Die Vorgabe lag im Weißbuch. „Doch in welchem Bereich müssen wir vom GIDS die strategische Beratung komlementär ergänzen?“, so fragte Rogg weiter. Die Antwort wird in der arbeit des GIDS in sechs Forschungsfeldern liegen.

Das Amt des Strategen

Professor Meissner führte dann in den Begriff der Strategie ein und zeigte die Entwicklung der Bedeutung des Begriffs des Strategen von den Perserkriegen bis zur heutigen Zeit auf. Wurde in der Antike vom Strategen neben der Beratung bei den Operationen auch die rechnerische exakte Planung und Abrechnung einer Heerführung verstanden , so entwickelte sich der Stratege nach und nach zu einem Amtsträger. „Zu allen Zeiten galt jedoch, dass Strategie sowohl der Sachlogik als auch der Kreativität folgt. Beides wird erwartet“, so Meißner in seinen Ausführungen. Strategie ist heute eine Wissenschaft geworden, interdisziplinär verstanden und Teil der Politik. Diese Tagung sollte  -so die beiden Vorstände weiter – helfen, für etwas Ordnung bei dem „schillernden“ Begriff zu sorgen. „Und wer strategisch beraten will, muss andere Strategien kennen.“ Darum ging es in dieser Tagung.
Im ersten Panel stand das Thema Institution und Strategie im Vordergrund. Unter der Moderation von Direktor Jörn Thießen wurden die Erfahrungen von Generalvikar Monsignore Klaus Pfeffer vom Bistum Essen, Wilfired Schulz, Generalintendant des Düsseldorfer Schauspielhauses und Professor Dr. Klaus Beckmann, Präsident der HSU, in einem anregenden Gespräch zu einem lebhaften Austausch gebracht.

Erfahrungen im Bistum Essen

Es war spannend zu hören, wie das Bistum Essen als eines der ärmsten Bistümer Deutschlands strategisch den Umbau der Diözese vorgenommen hat, nachdem ein Rückgang der Gläubigen, sinkende Kirchensteuereinnahmen, Immobiliensanierungen und weitere Gründe ein „Weiter so“ nicht mehr zugelassen haben. „Über die Notwendigkeit einer Strategie wurde in der Kirche lange nicht nachgedacht. Dass die katholische Kirche bestand, war einfach eine Selbstverständlichkeit. Man wurde in das katholische Milieu hinein geboren und dort sozialisiert.“ So der Generalvikar. Seit den 68er Jahren hat sich dieses verändert, wie Pfeffer sagte, „Heute haben die Kirchen oftmals noch nicht begriffen, dass die Menschen frei geworden sind im Denken und Entscheiden. Sie schließen sich einem Weg nur noch aus Überzeugung an“, Auf die Entwicklung war das Bistum nicht vorbereitet. „Strategisch geht es in Essen um die Frage: Wo wollen wir hin angesichts von Pluralität und Vielfalt?“

Das Theater hat die Aufgabe der Politik übernommen

Aus einer ganz anderen Perspektive wurde das strategische Vorgehen in der Theaterwelt verdeutlicht. Mit Wilfried Schulz war ein Intendant Gast an der FüAk, der in seinem beruflichen Werdegang bereits mehrere Staatstheater und Theater zu einer wirtschaftlich und kulturell bedeutsamen Institution gemacht hat. Mit der Übernahme des Staatstheaters Düsseldorf im Jahr 2016 übernahm er ein Ensemble ohne Theater, denn mit seinem Vertragsbeginn wurde sein Haus erst einmal für mehrere Jahre durch Umbauarbeiten gesperrt. Für Schulz geht es strategisch um die Frage „Wie können wir unseren Beitrag ( der Beitrag der Theater, Anm. d. Autors) dazu leisten, dass der Besuch des Theaters wieder selbstverständlicher Teil des Lebens wird“. Und weiter führte er aus: „Heute geniert sich auch ein Vorstandsmitglied nicht zu sagen, dass er seit dreißig Jahren kein Theater mehr besucht habe. Dabei ist das Theater „der Raum, in dem die gesellschaftlichen Probleme diskutiert werden, denn das Theater habe die Aufgabe der Politik übernommen, sich mit den Problemen der Menschen auseinanderzusetzen“, so Schulz. Es geht Schulz dabei um die Frage, dass die Gesellschaft sich wieder der Frage stellt, wie ein Miteinander, ein gemeinsames Leben aussehen könnte: „Wie wollen wir leben?“ Um diese Frage geht es Schulz. Strategisch zu erreichen, dass das Theater „wieder den Muskel stark macht für die Empathie der Menschen, denn der Verlust der Empathie führt zur Auflösung der Gesellschaft“. Zur Strategie eines Theaters gehört es daher auch dafür Sorge tragen zu können, Differenzen aushalten zu lernen“.
Konkret arbeitet Schulz an der Strategie, den Ruf des Schauspielhauses aufzubauen durch die Aufführung an unterschiedlichsten Orten.

Strategie in Uni

Professor Klaus Beckmann hatte strategische Fragestellungen anderer Art zu beantworten. Mit seinem Amtsantritt galt es, den Verwaltungsbau der Universität zu reorganisieren und die Universität vorzubereiten, in das Exzellenzcluster der deutschen Universitätswelt aufzusteigen. Die wesentliche strategische Aufgabe verdeutlicht sich in dem Leitbild einer Universität. Hier geht es um die Frage „Wer wollen wir sein?“ Wenn sich darüber Klarheit verschafft worden ist, dann ist die Ressourceneinteilung in einer Hochschulwelt, die immer von knappen Ressourcen gekennzeichnet ist, die wesentliche strategische Leistung, um den Ziel näher zu kommen.

Sport und Strategie?

In dem zweiten Panel standen Strategien im Sport im Mittelpunkt der Diskussion. Mit Dr. Michael Vesper, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Sportbundes (DOSB) und Präsidenten des deutschen Galoppsportverbandes, wurden strategische Anforderungen von einem Sportfunktionär definiert, um in Deutschland Spitzensport zu etablieren. Insbesondere ging es ihm darum, den deutschen Galoppsport wieder im Spitzensport zu positionieren. Nach Vesper verlangt die Strategie drei Voraussetzungen: Der Sport muss interessant sein für ein großes Publikum. Es müssten Geschichten erzählbar sein und endlich muss die Sportart, um die es geht, das Lebensgefühl einer Generation widerspiegeln.
Die Anforderungen aus dem Bereich Sport wurden ergänzt und beleuchtet aufgrund der fachlichen Expertise von Staatsrat Christoph Holstein, Staatsrat im Senat der Freien und Hansestadt Hamburg. Er zeichnet verantwortlich für das Konzept „Active City“ und damit für die Strategie, die erforderlich war, um aus einer gescheiterten Olympiabewerbung ein nachhaltiges Sportkonzept für die Zukunft für Hamburg aufzubauen.
Der Geschäftsführer von Upsolut Sport, der Erfinder der Cyclassics in Hamburg, Christian Toetzke, erklärte das strategische Konzept und erläuterte seine Erfahrungen der Öffentlichkeit, wie Spitzen- und Breitensport miteinander erfolgreich verknüpft werden können. Er veranschaulichte dieses deutlich an dem neuen Projekt, das Thema „Fitness“ als Breitensport populär zu machen. Es war unter der Moderation vom Experten für Drogen im Sport, Hajo Seppelt, ein rundes Panel, das das Thema breit gefächert verdeutlicht hat.

Diese Diskussion wurde nicht zuletzt durch Beiträge befruchtet, die Lars Wichert, Sportsoldat der Bundeswehr und Goldmedailliengewinner im Deutschland-Achter und im Doppel-Vierer, passend aus dem Publikum eingeworfen hat.

Nachhaltigkeit und Strategie

Wie gelingt es, Strategien so aufzustellen, dass ihre Wirkungen nachhaltig bleiben, war das Thema des dritten Panels, das von der NDR-Moderatorin Ulrike Heckmann moderiert worden ist. In ihrer Runde unterhielten sich Harry Assenmacher, Geschäftsführer der Forest Finance Service GmbH, ein Anbieter für nachhaltige Finanzprodukte mit dem ehemaligen Exekutivdirektor des Umweltprogramms, sowie Umweltspezialist Professor Dr. Klaus Töpfer. Mit Professor Stefan Bayer, einem Experten für Klimawandel an der FüAkBw, wurden anschließend nachhaltige Strategien in einem weiten Licht dargestellt.
Von der Position waren sich beide, Professor Toepfer und Herr Assenmacher, sehr nahe. Während es Professor Töpfer nach einer Strategie fragte, „ob Friedenspolitik ein Aufrüstungspotential bedingt oder ein Abrüstungspotential mit Blick auf eine Verteilung der Güter“, so geht es Assenmacher darum, „in den Regionen den Familien eine Perspektive zu geben. Dieses sei gegeben, wenn eine Familie ein Haus bauen könnte und sein Geld verdienen kann. Durch Arbeit zur Sicherung der Existenz beizutragen, ist der größte Beitrag zu Perspektive und Frieden“, so Assenmacher. So sei es seine Vision, an einem weltwieten Bauernhof mitzuarbeiten.
Professor Bayer war es, der auf die Bedeutung von Trade-offs hinwies. Nach Bayer kommt es sehr darauf an, „dass alle externen Kosten in einer volkswirtschaftlichen Rechnung berücksichtigt werden müssen.“ Das gilt beispielsweise auch dabei, die Kosten durch Waldverlust zu beziffern, nur weil die denkbare Aufforstungsfläche für andere Investitionen genutzt werden.
Das Thema „Nachhaltigkeit“, dessen Gedanke der Forstwirtschaft entstammt, wurde unter den Panelteilnehmern lebhaft diskutiert.

Ausblick auf das GIDS

Oberst Professor Rogg und Professor Meißner verabschiedeten die Gäste dieses an Eindrücken und Informationen reichen Tages. „Strategischer Diskurs ist notwendig. Die Maßstäbe hierzu sind Phantasie, Geduld und Humor.“ Das GIDS hat einen würdigen Auftakt gefunden.
Strategie, so war es ein Fazit aus einem der Panels, „hat immer etwas mit Auswahl zu tun. Strategie hat etwas mit Vermittlung zu tun. Und Strategie hat etwas mit der genauen Kenntnis des Umfeldes zu tun.“, so Meißner in seinen Abschlussworten. Und an die Bundeswehr gab es von Seiten der Panelisten einen Appell: Es gilt ein sachliches Verhältnis der Gesellschaft zur Bundeswehr zu definieren. Es gilt jedoch auch, ein sachliches Verhältnis der Bundeswehr zur Gesellschaft zu finden. Die Sachlichkeit in dem Prozeß sei jedoch oftmals nicht zu erkennen. Um hierauf eine Antwort zu geben, bedarf es eines Loslassens des Heute. Dieses „Loslassen“  ist immer ein Teil der Strategie, denn diese verlangt Abstraktion.“
Auf die offizielle Gründung, sowie die Rede der Ministerin wurde mit Spannung verwiesen. GIDS – willkommen in der Welt, Mut zum Diskurs!

Weitere Informationen zum GIDS Hamburg.