Autor: Matthias Siegemund; Fotos: FüAkBw

Hamburg, 05.06.2018


Eine Geschichtsstunde in der Aviatorsbar über Deutsche Fliegerasse im Zweiten Weltkrieg von „Chick“ Cleveland


Die Kursteilnehmer vor dem Ehrenmal der Gebrüder Wright auf der Maxwell Air Force Base

Integriert in den Untergruppen wird das „Oberved System“ analysiert

Übergabe des Lehrgangswappen an den Kommandanten des Air Command and Staff Colleges

Fünf Lehrgangsteilnehmer der Luftwaffe des 13. Lehrgangs Generalstabs-/Admiralstabsdienst National (LGAN) reisten zum United States (US) Air Command and Staff College auf der Maxwell Air Force Base bei Montgomery in Alabama, um an einer operativen Planungsübung teilzunehmen. Auf einem der traditionsreichsten Flugplätze der US-Luftwaffe (US Air Force) und einem historischen Ort, an welchem die Gebrüder Wright im Jahre 1910 ihre erste Flugschule gründeten, erweiterten die Teilnehmer ihren Horizont.

Faszination Fliegen

Heute noch können dort Legenden der US Air Force angetroffen werden. „Wir hatten die Gelegenheit „Chick“ Cleveland, dem letzternannten Fliegerass (Flying Ace) der US Air Force und Präsidenten der Flying Aces Association, zu begegnen, an seiner Faszination über die Deutsche Luftwaffe teilzuhaben und ihm die Insignien unseres Lehrgangs zu überreichen“, so Oberstleutnant Matthias Siegemund, einer der angereisten LGAN-Lehrgangsteilnehmer.

Heiße Phase Operative Planungsprozesse

Die Reise fiel in eine Phase des LGAN, in welcher die Teilnehmer im operativen Denken und Planen geschult werden. Ausgehend vom operativen Planungsprozess der NATO konnten die fünf Teilnehmer ihre Kompetenzen bei dem bedeutendsten NATO-Verbündeten einbringen. „Darauf waren wir gespannt“, so Siegemund. Die Übung erfolgte gemeinsam mit dem US-Kurs „Multi-Domain Operations & Strategy“ (MDOS). Darüber hinaus nahmen 15 weitere Mitstudenten (Fellow-Students) aus den unterschiedlichsten Bereichen der US Air Force teil.

Auswerten des Szenars

Eine Überraschung erlebten die vom 13. Lehrgangs Generalstabs-/Admiralstabsdienst National (LGAN) Teilnehmenden beim Auswerten des Übungs-Szenars. Kein Naabezien, kein Cerasia und kein Skolkan. Diese fiktiven Bezeichnungen von Länderregionen entstammen NATO-Übungen, in denen auf Basis realer Geographie aber an fiktiven politischen Grenzen, Bevölkerungen und Religionsgruppen das Planen militärischer Operationen geübt wird.

Realer Konflikt projiziert in die Zukunft

Wie Oberstleutnant Siegemund stießen seine vier Kameraden bei der Übung auf einen realen Konflikt, welcher aufgrund bestimmter Annahmen der Zukunftsanalyse zehn Jahre in die Zukunft projiziert wurde. In diesem semi-fiktionalen Szenar stehen sich in Vorderasien eine schiitische Koalition unter iranischer Hegemonie und eine sunnitisch-arabische Koalition unter Führung Saudi-Arabiens gegenüber.

Begegnungen mit Ressourcenproblemen

Der in der Übungskünstlichkeit über Jahre schwelende Konflikt droht zu eskalieren. Nicht aus religiösen oder ideologischen Gründen, sondern wegen Wasser. Die
Veränderung des Weltklimas sorgt für Wassermangel in der Region mit erheblichen Auswirkungen. Durch kein vorhandenes Wasser findet keine Landwirtschaft statt. Das impliziert das die Ernährung der Bevölkerung nicht mehr stattfindet. Durch Hunger leidende Bevölkerung prosperiert nicht und erzeugt politische Instabilität. Damit liegt die Notwendigkeit vor, unter Nutzung aller staatlichen Machtinstrumente dem Ressourcenproblem zu begegnen.

Annahmen zum Nachdenken

„Weitere Annahmen regten uns intensiv zum Nachdenken an“, sagte der Oberstleutnant, „wie beispielsweise die regionale Proliferation von Nuklear- und hypersonischen Waffen, der NATO-Austritt der Türkei nach unilateraler Anerkennung des kurdischen Staates durch die USA oder das Überschreiten des Peak Oil Demand, also der Spitzennachfrage von Öl und der damit einhergehende Verfall des Ölpreises“, führte er weiter aus.

Einsatz von Instrumenten

Laut Matthias Siegemund könnte sich in einem derartigen, in der Zukunft vielleicht vorherrschenden Konflikt, für die künftige militärische Funktionselite der US Air Force die Fragestellung entwickeln, welche eigenen Instrumente staatlicher Macht, wie Wirtschaft, Diplomatie, Informationen oder Militär eingesetzt werden können, um den Konflikt einzuhegen und eigene Interessen zu schützen.

Handlungslinien werden herausgearbeitet

Hierzu wurden das global und regional zu beobachtende System (observed system) sowie das Anzustrebende (desired system) in einem Zeithorizont von zwanzig Jahren analysiert. Daraus wurden, vergleichbar mit dem NATO-Planungsprozess, die strategischen Problemstellungen herausgearbeitet und Handlungslinien (lines of effort) entwickelt.

Systemänderungen herbeiführen

Diese wurden auf die operative, militärische Ebene heruntergebrochen und ein Operational Design entwickelt. Die operative Ausgestaltung für die einzelnen jeweils nachfolgenden Ebenen ist daraus ersichtlich. In diesem werden verschiedene Änderungszustände des zu beeinflussenden Systems auf dem Weg vom beobachteten (observed) zum angestrebten System (desired system) beschrieben. Es wird untersucht, welche Effekte ausgelöst durch militärische Aktionen die beabsichtigten Systemänderungen schrittweise herbeiführen. Dieser Ablauf ist dem laut dem Oberstleutnant dem NATO-Planungsprozess grundsätzlich sehr ähnlich.

Militärische Operationsdimensionen

Das Denken in Effekten und Aktionen beschränkt sich laut den fünf Lehrgangsteilnehmenden nicht auf Luftmacht allein, sondern bezieht andere militärische Operationsdimensionen mit ein. Unter den NATO-Begriffen „joint effects“ und „joint actions“ werden das Zusammenwirken der Teilstreitkräfte in den Dimensionen zu Land, Luft, See sowie im Cyber- und Informationsraum beschrieben.
Die Bundeswehr hat beispielsweise zudem die Dimension Weltall. MDOS entwickelt  laut den LGAN-Teilnehmern ein erweitertes Verständnis von Operationsdimensionen und begründet damit für sie eine einzigartige operative und strategische Denkschule in den US Streitkräften.

Operatives Denken

Sie erklärten, dass MDOS die Operationsdimensionen Land, Luft, See, Weltraum, Elektromagnetisches Spektrum und Mensch nutzt. Diese Dimensionen („multi-domains“) werden dabei nicht nebeneinander betrachtet, sondern in Abhängigkeit voneinander und zueinander. Es wird bei den iterativen Schritten der Systemänderung untersucht, wie das Handeln in einer Dimension Effekte in den anderen Dimensionen auslöst. So können Aktionen im Weltraum oder im Elektromagnetischen Spektrum genutzt werden, um günstige Effekte für eine Luftkriegsoperation herbeizuführen. Mit diesem Verständnis wird das operative Denken deutlich über die eigene Teilstreitkraft ausgedehnt.

Denkströmungen in anderen Streitkräften

„Die Teilhabe an dieser Denkschule weitete unser operatives Verständnis erheblich“, betont Matthias Siegemund.  „Es zeigte uns eine Denkströmung in den US-Streitkräften, wie das operative Planen weiterentwickelt werden kann. Operatives Denken im 21. Jahrhundert ist weit mehr als das Bewegen von Truppenkörpern der Brigade- oder Divisionsebene, also 6.000 bis 20.000 Mann als Symbole auf einer Karte“, führte er weiter aus.

Dimensionen von Konflikten erkennen

Die Zukunft wird laut ihm neue Konfliktformen hervorbringen. Staatliche und nichtstaatliche Akteure werden in neuen Dimensionen handeln. „Unsere Aufgabe als nächste Generation von Generalstabsdienstoffizieren und Kommandeuren wird es sein, diese Dimensionen zu erkennen, zu verstehen und unsere Streitkräfte auf das Handeln darin vorzubereiten“, so sein persönliches Fazit.

Selbstverständnis des MDOS

Die Reise ließ die fünf LGAN-Teilnehmer wahrlich hinter den Horizont blicken. Sie verstehen dieses gleichfalls als das Selbstverständnis des MDOS-Kurses, der unter dem Motto ‚Über den Horizont‘ (Over the Horizon) regelmäßig, öffentlich zugänglich im Web und über unterschiedliche Social Media Kanäle publiziert und informiert.

Militärische Verantwortung im öffentlichen Raum

Die MDOS-Lehrgangsteilnehmenden, als vermutliche Träger der militärischen Verantwortung der nächsten zwanzig Jahre in den US-Streitkräften, transportieren ihre strategischen und operativen Gedanken in einen öffentlichen Raum. Sie fördern aktiv einen thematischen Diskurs, sowohl innerhalb der Streitkräfte, als auch mit der interessierten Öffentlichkeit. „Der Mut zu dieser Öffentlichkeit stärkt das Selbstverständnis, sich als ‚Funktions- und Verantwortungselite‘ eines Staates zu begreifen und sich einem kritischen Diskurs – streitkräfteintern als auch extern – bewusst und aktiv zu stellen“, schwärmt Oberstleutnant Siegemund. Laut ihm sollte dieses der Führungsakademie und ihrem Anspruch als Denkfabrik zum Vorbild dienen.

 

 

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