Autor: Pablo Marotzky; Fotos: Katharina Roggmann

Hamburg, 21.03.2018

Thomas Kleine-Brockhoff beim Eintrag in das Gästebuch der Führungsakademie

Thomas Kleine-Brockhoff beim Eintrag in das Gästebuch der Führungsakademie

Interessierte Zuhörer des LGAN 2017

 Interessierte Zuhörer des LGAN 2017

Konteradmiral Carsten Stawitzki und Thomas Kleine-Brockhoff

 Konteradmiral Carsten Stawitzki und Thomas Kleine-Brockhoff

 

 

 

 

 

Thomas Kleine-Brockhoff, Vizepräsident des German Marshall Fund of the United States und ehemaliger Leiter des Planungsstabes von Bundespräsident Gauck, hat mit einem Eröffnungsvortrag unter dem Titel  „Ende des Westens?“ den sicherheitspolitischen Ausbildungsabschnitt des nationalen Lehrgangs Generalstabsdienst-/Admiralstabsdienst 2017 (LGAN) an der Führungsakademie der Bundeswehr (FüAkBw) eröffnet.

Überlegungen zum Westen

Zunächst einmal: Was ist der Westen genau? Kleine-Brockhoff beschreibt ihn nicht als eine geografisch definierte Einheit, nicht als ein rein anglo-amerikanisches Projekt und kein kulturalistisches Projekt. Der Westen ist seiner Meinung nach ein Ordnungssystem, ein normatives Produkt, das seinen Ursprung im 18. Jahrhundert hat. Die Grund- und Menschenrechte gelten in ihm als Kernrechte staatlicher Legitimation. Kleine-Brockhoff stellt heraus, dass die Berechenbarkeit der großen weltpolitischen Akteure schwindet und sich somit die Lage um den Westen, so wie wir ihn kennen, zuspitzt. Hierbei gilt zwischen inneren und äußeren Faktoren zu unterscheiden: „Innere Faktoren sind beispielsweise antiliberale, antimoderne, antiinternationale und antidemokratische Tendenzen. Zu den äußeren Faktoren zählen Akteure und Ordnungssysteme, welche sich an nicht-westlichen Werten orientieren.“ 

China und Russland mit eigenem Wertesystem

Mit dem Zerfall der Sowjetunion, so der Vortragende, sah sich der Westen als das alles überdauernde und siegreiche Gesellschaftsmodell an und ging davon aus, das Akteure wie zum Beispiel China und Russland in seine Strukturen der Nachkriegsordnung einrücken würden. Beide Länder folgen aber ihrem eigenen Wertesystem und stehen dem westlichen Modell somit antagonistisch gegenüber. Zu dieser „liberalen Überdehnung“ komme hinzu, dass auch innere Werte des Westens seit Beginn der Neunziger-Jahre schleifen gelassen worden sind und nicht mehr vorbildlich vorgelebt werden. „Wie soll ein System andere überzeugen, das sich zum Teil nicht einmal an seine eigenen Regeln hält?“, so Kleine-Brockhoff vor den Zuhörern.

Der Westen muss sich regulieren

Auf postatlantische Meinungen gibt Kleine-Brockhoff nicht viel. Nur weil die „innere Erosion“ des Westens im Westen selbst entstanden ist, heiße das nicht, dass der Westen diese Krisen auch ohne Weiteres überlebt. „Deutschland, aber auch jeder Einzelne, sollte mehr zum Systemerhalt beitragen, denn Krisen ohne Regulierung verschlimmern sich nur weiter.“ Die an den Vortrag anschließende Fragerunde gab den Lehrgangsteilnehmern die Möglichkeit, Kleine-Brockhoffs Thesen ausgiebig zu diskutieren und als Grundlage für die weitere Befassung mit sicherheitspolitischen Themen zu nutzen.  Organisiert und angeleitet von der Fakultät Politik, Strategie und Gesellschaftswissenschaften werden in den nächsten sechs Wochen hochkarätige Journalisten, Wissenschaftler, Politiker, Führungspersonal des Bundesministeriums der Verteidigung und Dozenten der Führungsakademie ein sicherheits- und verteidigungspolitisches Fundament für die Lehrgangsteilnehmerinnen und Lehrgangsteilnehmer schaffen, auf dem diese in Zukunft aufbauen können.