Autor: Steffen Harloff; Fotos: Katharina Roggmann / Bundeswehr

Hamburg, 01.03.2018

Verwendung historischer Ausbildungsmittel  im Modul

1868 Bleibtreu Schlacht bei Koeniggraetz

MFIS-Anerkennung für die Absolventen

Ziel ist eine möglichst realitische Abbildung von historischen Entscheidungssituationen

Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18.Januar1871)

 

 

Im Modul „Strategie in wissenschaftlicher Perspektive“ des Studiengangs "Militärische Führung und Internationale Sicherheit (MFIS)“ an der Helmut-Schmidt-Universität (HSU), haben die Teilnehmer Geschichte modern wieder aufleben lassen: das “Reiswitzsche Kriegsspiel”. Dieses historische Ausbildungsmittel ist ursprünglich ein Instrument des Offizierskorps der preußischen Armee im 19. Jahrhundert gewesen. Es ging in dem Modul darum, anhand eines historischen Beispiels herauszufinden, wie Entscheidungsfindung simuliert werden kann. 

Der Studiengang MFIS

Der Studiengang MFIS knüpft an den Lehrgang Generalstabs-/Admiralstabsdienst National (LGAN) der Führungsakademie der Bundeswehr an und ergänzt die berufspraktischen und theoretischen Inhalte des Lehrganges um wissenschaftliche Inhalte auf universitärem Niveau. MFIS kann freiwillig neben dem LGAN in der Freizeit studiert und mit dem Master of Arts abgeschlossen werden. Circa 80 Prozent des laufenden LGAN sowie frühere Absolventen dieses Lehrgangs haben im Studiendurchgang 2017 das Studium aufgenommen. Der dabei entstehende gedankliche Austausch zwischen angehenden Offizieren im Generalstabs-/Admiralstabsdienst und erfahrenen Soldaten bis in den Generals-/Admiralsrang in gleichberechtigter wissenschaftliche Diskussion wird auch in diesem Jahr rege wahrgenommen und geschätzt.

Offiziere üben in Königgrätz

Seit mehreren Jahren wird das preußische „Kriegsspiel“ an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg erforscht. Neben regelmäßigen Tests mit Studierenden bot sich im Januar 2018 im Studiengang MFIS der HSU die Möglichkeit, an der Führungsakademie der Bundeswehr dieses Trainingsinstrument mit angehenden Offizieren im Generalstabs-/Admiralstabsdienst als Teilnehmern zu verwirklichen. Als Beispiel diente die Schlacht von Königgrätz.

Simulator von gestern

Im Jahr 1824 übernahm die preußische Armee die Erfindung des jungen Artillerieleutnants Georg Wilhelm von Reiswitz als zentrales Ausbildungsmittel. Im Gegensatz zu früheren Kriegsspielen handelte es sich bei seiner Erfindung nicht um ein Spiel im eigentlichen Sinne, sondern – vergleichbar zu heutigen, größtenteils computergestützten Simulationen – vielmehr um ein nach bestimmten Regeln auf einer topografischen Karte dargestelltes Manöver, mit dem Ziel einer möglichst realistischen Abbildung von Entscheidungssituationen.

Taktische Erfahrung am Spielbrett

Für die preußische Armee, die aus finanziellen Gründen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur selten größere Manöver durchführte, besaß die Erfindung von Georg Wilhelm von Reiswitz doppelten Wert: Zum einen bot sie die Möglichkeit, Vorgehensweisen auf taktischer und operativer Ebene einzuüben, zum anderen ermöglichte sie es den preußischen Offizieren, Erfahrung im Umgang mit topografischem Kartenmaterial zu gewinnen. Die Verwendung solcher Karten bildete einen wichtigen Unterschied zwischen den „Kriegsspielen“ des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, deren „gerasterte Karten“ meist aus dem Spielbrett des Schachspiels abgeleitet waren.

Wegbereiter zur Reichsgründung

In der Schlacht trafen im Deutschen Krieg die Truppen Preußens am 3. Juli 1866 auf die Armeen Österreichs und Sachsens. In einem Gelände von etwa zehn Kilometern Breite und fünf Kilometern Tiefe bekämpften sich über 400.000 Soldaten in einer verlustreichen Schlacht. Sie gilt als einer der Wegbereiter für die Deutsche Reichsgründung 1871.

Vergessenes Ausbildungsmittel

Mit dem Curriculum des MFIS in der Clausewitz-Kaserne war es vermutlich das erste Mal seit mehr als hundert Jahren, dass dieses Ausbildungsmittel der preußischen Armee wieder in der Weiterbildung von Offizieren zur Anwendung kam. Sowohl für die Studierenden, als auch für die militärhistorische Forschung ergaben sich dabei wertvolle Erkenntnisse hinsichtlich der Möglichkeiten und der Grenzen dieses historischen Ausbildungsinstrumentes. Es wurde deutlich, dass die Grundsätze für taktische Operationen sowie deren Abbildung in Ausbildung und Übung damals wie heute unverändert Gültigkeit besitzen. Was heißt das genau? Ein Beispiel: Ein Befehl muss, damit er funktioniert wie geplant, nicht nur fachlich durchdacht sein, sondern auch rechtzeitig erteilt und umgesetzt werden, damit die Truppe damit erfolgreich ist. Alle Beteiligten sind sich einig: eine große Bereicherung für die eigene akademische Weiterbildung.