Autor: Philipp Lenske; Fotos: Katharina Roggmann

Hamburg, 30.01.2018

Landesrabbiner Shlomo Bistritzky trägt sich in das Gästebuch der Führungsakademie der Bundeswehr ein

Landesrabbiner Shlomo Bistritzky trägt sich in das Gästebuch der Führungsakademie der Bundeswehr ein

Michel Friedman: ,,Wo beginnt der Endpunkt von Gewalt?

Michel Friedman: ,,Wo beginnt der Endpunkt von Gewalt?"  

Der Kommandeur führt in die Thematik ein

 Der Kommandeur führt in die Thematik ein

Oberst Rogg im Gespräch mit Oberst a.D. Stratenschulte

Oberst Prof. Dr. Matthias Rogg im Gespräch mit Oberst a.D. Stratenschulte

Hochrangige Gäste aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft verfolgen den spannenden Gedankenaustausch

Hochrangige Gäste aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft verfolgen den spannenden Gedankenaustausch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

,,Erinnern ist unverzichtbar, doch es darf nicht einfach zur Pflicht, kein lästiges Ritual werden,“ sagte der Kommandeur der Führungsakademie, Konteradmiral Carsten Stawitzki anlässlich der Veranstaltung zum gemeinsamen Tag des Erinnerns an die Opfer des Holocausts. „Wie gedenken wir richtig - und gibt es überhaupt ein richtig? Wir müssen Unfassbares fassbar machen, einen persönlichen Eindruck erschaffen, Fakten analysieren, einen eigenen Standort bestimmen und auf die Gegenwart übertragen.“

Haltung und Mut

Er forderte dazu auf, sich der Geschichte zu stellen, um den eigenen Kompass zu justieren, nicht nur heute, sondern jeden Tag. Er appellierte in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal im Manfred-Wörner-Zentrum, Anstand, Haltung und Mut zu zeigen, außerdem gemeinsam über Werte nachzudenken und Selbstbezüge herzustellen. Mit diesen Worten leitete Admiral Stawitzki die Podiumsdiskussion unter Leitung von Jörn Thießen ein. Special guest: Professor Michel Friedman. Darüber hinaus nahm der Leiter der Steuergruppe Denkfabrik der FüAK, Oberst Prof. Dr. Matthias Rogg, an der Diskussion teil..

Geschichte aus Geschichten verstehen

„Wo beginnt der Endpunkt von Gewalt?“, fragte Friedman. „Um diese Endpunkte der Gewalt nie wieder eintreffen zu lassen, müssen wir die Anfangspunkte dieser Taten verstehen und ihnen entgegenwirken.“ Friedman entstammt einer polnisch-jüdischen Familie und hat die grausamen Taten der NS-Zeit leibhaftig an seiner Familie erlebt. ,,Wo beginnt die Ermordung von Menschen? Sie beginnt nicht dort, wo Menschen Menschen Schlimmes antun, sie beginnt bereits dort, wo Menschen wegsehen. Wegsehen, weghören, schweigen - wir müssen offen und ehrlich darüber reden, was passiert ist, und auch was in der Gegenwart passiert“, erklärt Friedman.

Gesellschaft in Veränderung

Er geht der Frage nach, welche Indizien, welches menschliche Verhalten, welche politischen Umstände zu solch extremen Endpunkten führen können. Er fängt von Rassismus und Menschenhass an zu sprechen. „Ich nehme eine Substanzveränderung in der Gesellschaft wahr“, konstatiert er, „geistige Brandstiftung, wann führt das zu tatsächlicher Brandstiftung?“

Voraussetzung für verstehen ist Wissen

Der ehemalige Direktor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr, Oberst Prof. Dr. Matthias Rogg, ging auf die Rolle der Bundeswehr im Umgang mit Erinnerung in den Streitkräften ein. ,,Wenn wir nicht wissen, wie es entstanden ist, wie können wir das Geschehene zukünftig verändern?“ Es liege an jedem selbst, das Verstehen zur lernen und das erlernte Wissen weiterzugeben.“ Hierzu reiste kürzlich eine 30-köpfige Delegation aus polnischen, französischen und deutschen Offizieren ins das Konzentrationslager Auschwitz, um die Hintergründe verstehen zu lernen, zu diskutieren und das Gelernte besser einzuordnen. (Bericht aus der Bundeswehr aktuell vom 22.01.2018)

Jeder ist Jemand

,,Keiner muss sich verantwortlich für einen anderen fühlen, jeder muss sich jedoch persönlich angegriffen fühlen, wenn Menschen Schlimmes widerfährt“, führt Friedman weiter aus. Um das höchste Gut in der Demokratie zu wahren, die Unantastbarkeit der menschlichen Würde, seien wir alle in der Bringschuld. Geschichte werde sich immer wiederholen, wenn man sich nicht an sie erinnere. ,,Doch was sind wir bereit zu tun, um die Demokratie, in der wir leben, zu halten?“ fragt Professor Friedman die 150 Zuschauer in der Rotunde des Manfred-Wörner-Zentrums. ,,Wir sind alle aufeinander angewiesen, genauso wie die nachfolgenden Generationen auf uns angewiesen sind.“

Nachdenken, um zu handeln

Friedmans Ausführungen enden oft gezielt in Fragen. Fragen, die sich nach dem Vortrag jeder Teilnehmer ganz persönlich stellen wird. Weil jeder in der Pflicht ist, nachzudenken, zu analysieren, um zu verstehen, um Wissen zu begreifen, und um zu wissen, wie man besser versteht, um auch besser zu handeln. Damit dieser Diskussion kein Ende gesetzt wird, erinnert und gedenkt die Führungsakademie im Rahmen besonderer historischer Veranstaltungsformate der Geschichte – und stellt Bezüge zu jedem Einzelnen im Hier und Jetzt her.