Autor: Inka von Puttkamer; Fotos: Katharina Roggmann

Hamburg, 13.12.2017

Sir General James Everard beim Eintrag ins Gästebuch der Führungsakademie

General Everard im Gespärch mit General Wieker und Konteradmiral Stawitzki

 Das Auditorium lauscht gebannt dem Vortrag

Lebhafte Diskussion: General Everard stellt sich den Fragen der Lehrgangsteilnehmer

Konteradmiral Stawitzki übergibt die Münze der Führungsakademie zur Erinnerung

Ergiebige Gespräche: die beiden Generale freuen sich über den lebendigen Austausch


 

 

 

 

„It’s an early Christmas present to be here!“ Mit diesem Worten leitet Sir General James Everard, der stellvertretende „Supreme Allied Commander Europe“ aus dem NATO-Hauptquartier in Mons/ Belgien, seinen Vortrag an der Führungsakademie der Bundeswehr ein. Gemeinsam mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, General Volker Wieker, ist er an die Akademie gekommen, um einen aktuellen Sachstand über die NATO zu geben und vor allem mit den jungen Offizieren - „the generation, that matters“ wie er sagt - zu diskutieren. Everard ist dabei nicht auf unbekanntem Terrain. Bereits drei Mal war er in Deutschland stationiert, wenn auch jedes Mal durch so viele Auslandseinsätze geprägt, dass kaum Zeit für Landeskunde übrig blieb. Mit einem Lob auf die Weihnachtsmärkte und einer Äußerung über die deutsche Bahn wies der General sich dennoch als wohlwissender Insider aus und hatte das Publikum gleich auf seiner Seite.

„Goodness doesn’t come for free“

Everards Vortrag ist durch viele Zitate gekennzeichnet. Er zieht bekannte (Clausewitz, Hobbes) und unbekannte Autoren (Kirchick, Rackham) heran, um klarzumachen, dass Lesen für den Geist das gleiche wie Sport für den Körper ist. Zunächst legt er ein paar Grundlagen: Die Ausgaben für das Militär sind in den letzten 20 Jahren fast überall gekürzt worden. Wir befinden uns in den sichersten und besten Lebensumständen, die es jemals gab. Die Armut auf der Welt ist stark zurückgegangen. Gleichzeitig ist in Europa festzustellen, dass Medienmanipulation, die Instrumentalisierung der Meinungsfreiheit und die Rückkehr zu einem neuen Nationalismus in sehr vielen Ländern zu einer Gesellschaftsspaltung führen. Er treibt diesen Gedanken auf die Spitze: „No friends, only interests.“ Hier kommt für ihn die NATO ins Spiel. „NATO is usually like vegetables for a child: not what you want, but what you need“, sie sei für permanentes Krisenmanagement zuständig, zusammen mit den anderen großen Organisationen steht sie für die Garantie von Demokratie, Recht und Freiheit.

„Cohesion of the Alliance“

Mit Jens Stoltenberg zitiert er den Generalsekretär, für den es keine größeren Herausforderungen für die NATO seit Ende des Kalten Krieges gab als jetzt. Die Herausforderungen ordnet er geografisch zu: Russland, China, Naher Osten, Nordafrika. Everard betont, dass Russland ein Dialogpartner, ein „strategic competitor“ ist. Die Stärken der NATO betont der General mit der Fähigkeit, aktuell zu bleiben, sich an Entwicklungen anzupassen und mit der Konsensfähigkeit. 29 Staaten, die ihn immer wieder finden. Die NATO sei ein verlässliches Bündnis, da sie grade keine Koalition, sondern viel stärker, eine Allianz, ist. Weiter stellt Everard den 360-Grad-Ansatz des Bündnisses heraus, also den allumfassenden Blick auf die Dinge. Was ihn wirklich umtreibt? Die Geschwindigkeit der Entscheidungsfindung. Das könnte manchmal schneller gehen. Und der Zusammenhalt aller Staaten. Man muss viel Kompromissbereitschaft zeigen.

Vielseitige Herausforderungen

Hier findet bereits eine lebhafte Diskussion statt. Ob die Rückkehr zum Nationalismus Auswirkungen auf die NATO habe? Grade hier hilft das Bündnis, so Everard. Verschiedene Ziele müssen in Balance gebracht werden, mit der 360-Grad-Perspektive werden alle Blickwinkel genutzt und er sagt, die NATO sei „remarkably robust“, weil sich alle Chiefs of Defense respektvoll begegnen und schätzen. Die Koexistenz verschiedener Ansichten müsse erlaubt sein. Auf Libyen angesprochen, sind sich der britische und der deutsche General einig: das Militär alleine ist keine Lösung, sondern die letzte Eskalation. Auf welchem Gebiet sieht Everard zukünftige Herausforderungen? Bei hybriden Bedrohungen. Für ihn ist noch keine Nutzung des Artikels 5 des NATO-Vertrages bei einer solchen Gefahr absehbar. Hier wird es in Zukunft Lösungen geben müssen.

„War is shaped by human nature“

Speziell für das Publikum aus jungem Führungspersonal hat Sir General Everard noch ein paar Anmerkungen zu guter Führung. Hier kommt der Botaniker Oliver Rackham ins Spiel: „Do not play god“. Er hat kernige Sätze auf Lager, die eingängig sind. Man solle wissen, für wen man arbeitet und wer für einen arbeitet („Know who you work for and who works for you“). Diese Menschen seien es wert, auch gefördert zu werden. Mit Clausewitz sagt er, dass wir alle dafür bezahlt werden, Entscheidungen zu treffen und dies damit eine Pflicht sei. Dennoch solle man sich immer wieder selbst prüfen. Dass Einfallsreichtum gefragt sei, erklärt er simpel damit, dass der Strom nicht durch ständige Verbesserung von Kerzen erfunden wurde. Weiterhin gibt er den Offizieren mit, dass sie sich vor ihrer Verantwortung nicht scheuen, menschliche Beziehungen durchdringen und ihre Gedanken auch gut zum Ausdruck bringen können sollen.

First-hand information

Am Ende seines vielschichtigen Vortrages sind die Erwartungen, die der Akademiekommandeur, Konteradmiral Carsten Stawitzki bei seiner Begrüßung geäußert hat, mehr als wahr geworden: Everard lieferte authentische Informationen aus erster Hand.