Autor: Dr. Wolfgang Schmidt; Fotos: Auswärtiges Amt/ ullstein bild

Hamburg, 07.09.2017

Charles de Gaulle, Präsident Frankreichs (hinten r.), mit Paul Nevermann, Bürgermeister von Hamburg (hinten l.)

Charles de Gaulle, Präsident Frankreichs (hinten l.), mit Paul Nevermann, Bürgermeister von Hamburg (hinten r.)

Charles de Gaulle an der Führungsakademie der Bundeswehr

Charles de Gaulle an der Führungsakademie der Bundeswehr

Als am 7. September 1962, also heute vor 55 Jahren, der damalige französische Staatspräsident Charles de Gaulle die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg besuchte, war dies in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswertes Ereignis. Für diesen relativ kurzfristig angesetzten Aufenthalt des hohen Gastes wurde eine lang geplante Veranstaltung an der Führungsakademie verschoben. Der damalige Kommandeur der Führungsakademie, Generalmajor Ulrich de Maizière, versicherte de Gaulle, dass sich die Akademie der „historischen Bedeutung dieses Augenblicks voll bewusst“ sei. Und als historisch konnte der Besuch bezeichnet werden. Denn erstmalig in der deutschen Militärgeschichte stattete ein „Staatsoberhaupt einer großen benachbarten und verbündeten Nation der höchsten deutschen militärischen Ausbildungsstätte einen Besuch“ ab.

Ein Besuch mit Symbolik

Für die Zeitzeugen an der Führungsakademie war es jedoch nicht der Besuch des französischen Staatspräsidenten, sondern der des 71-jährigen de Gaulle in der Uniform als General des französischen Heeres. Dies, wie auch weite Teile seines Staatsbesuchs in Deutschland, der vom 4. bis zum 9. September 1962 dauerte, waren zutiefst von Symbolik geprägt. Der französische Staatsmann mit seiner Neigung zu dekorativem Zeremoniell verstand sich bestens darauf. Den deutschen Gastgebern hingegen bereitete der Besuch im Vorfeld einiges diplomatisches Kopfzerbrechen. Man befürchtete im Hinblick auf die Kontakte zur damaligen Sowjetunion politische Verwicklungen vor dem Hintergrund des Frontverlaufs im Kalten Krieg.

Hamburgs „französische Vergangenheit“

Dass der französische Präsident auch nach Hamburg kommen sollte, war zunächst gar nicht im Interesse der deutschen Seite. Namentlich die Freie und Hansestadt an der Elbe stand dem Wunsch aus dem Élysée-Palast zunächst sehr reserviert gegenüber. In der selbst erklärten anglophilen Stadt erinnerte man sich durchaus der drückenden „Franzosenzeit“ von 1806 bis 1814, als die einstmals freie Stadt in das napoleonische Empire eingegliedert war. Tatsächlich wurden der Empfang de Gaulles in Hamburg 1962, seine Rede vom Rathausbalkon, das anschließende „Bad in der Menge“ und seine Rede in der Universität zu einem großen Erfolg. Keine alten Ressentiments überschatteten den Aufenthalt.

De Gaulle und Adenauer

Befürchtungen vor den „militärischen Passionen“ de Gaulles hegte vor allem Bundeskanzler Konrad Adenauer. Denn de Gaulle wollte zunächst die Lüneburger Heide mit Blick auf ihre „Panzertauglichkeit“ besichtigen und dann bei der Weiterfahrt nach Hamburg den Truppenübungsplatz Munsterlager inspizieren. Mit Verweis auf damit verbundene politische Verwicklungen mit der Sowjetunion, die sich angesichts des ein Jahr zuvor erfolgten Mauerbaus aufgrund einer solchen „Demonstration der deutsch-französischen Waffenbrüderschaft“ provoziert fühlen könnte – so schrieb es nicht nur der Spiegel, sondern in diese Richtung gehend äußerte sich auch Moskaus Botschafter in Bonn – blieb dann nur mehr der Besuch an der Führungsakademie aus der militärischen Wunschliste de Gaulles übrig.

Besuch in Hamburg und an der Führungsakademie

Damit der französische Staatspräsident das Bundeswehrgelände in Blankenese aber in seiner Generalsuniform betreten konnte, bedurfte es freilich der textilen Veränderung. Er kam unmittellbar vom Hamburger Rathaus im dunklen Anzug angefahren. Das klassizistische Jenisch-Haus diente dabei kurzzeitig als herrschaftliche „Garderobe“. Der „Kostümwechsel“ war eine bewusste und zweckgerichtete Inszenierung. De Gaulle wollte vor den Angehörigen der Führungsakademie als Gleicher unter Gleichen wahrgenommen werden. „Unter Soldaten – wie wir es sind …“, so beginnt auch der zweite Satz seiner auf Deutsch gehaltenen Anrede. Weiterhin sprach er von der Militärtechnik und vom Pflichtbewusstsein als „einem großen und edlen gemeinsamen Bereich (…), der allen den gleichen Stempel aufdrückt“. Deshalb „wollte General de Gaulle den guten Offizieren, die sie sind, gerne einen Besuch abstatten.“

„Klaffende Wunden“

Beachtenswert ist, dass er von sich in der dritten Person (!) sprach. Nun waren diese Worte keineswegs Ausdruck einer Suche nach billiger Kameraderie. Wenngleich nicht im Detail, so doch für jedermann zu verstehen, wies er innerhalb des augenscheinlich Verbindenden auch auf die „klaffenden Wunden“ hin, die zwischen den beiden Nationen lagen. Er selbst war im Ersten Weltkrieg jahrelang in deutscher Kriegsgefangenschaft. In der Zwischenkriegszeit diente er in den französischen Besatzungsstreitkräften in Deutschland. Zwischen 1940 und 1945 stand er der französischen Exilregierung in London vor, deren freifranzösische Streitkräfte unter seiner Führung gegen Deutschland kämpften.

Überwindung der deutsch-französischen Feindschaft

In dem Besuch ging es de Gaulle wie auch Adenauer um die Überwindung der deutsch-französischen und der europäischen Gewaltgeschichte. Genau darauf zielten die zentralen, weiteren Worte des französischen Gastes ab. Der uniformierte Staatsmann bemühte dazu den deutschen Schriftsteller Carl Zuckmayer, um den Kern nicht nur seines Besuches an der Führungsakademie, sondern auch um das grundlegende politische Credo der damaligen Politik plakativ zu unterstreichen: „War es gestern unsere Pflicht, Feinde zu sein, ist es heute unsere Pflicht, Brüder zu werden“. Gewiss, der an diesem Ort passende Satz war vermutlich gedacht als Courtoisie vor dem deutschen Publikum. Notwendig war der darin apostrophierte Inhalt im Lichte der bisherigen deutsch-französischen und europäischen Geschichte allemal. Er zielte zunächst natürlich ganz zweckgerichtet auch auf die damalige politische Lage ab. Sowohl de Gaulle, als auch der Kommandeur der Führungsakademie sowie Verteidigungsminister Franz Josef Strauß ließen in ihren Statements und Begrüßungen keinen Zweifel an den unmittelbaren Notwendigkeiten einer transnationalen, auch militärischen Zusammenarbeit innerhalb der transatlantischen Vertragsgemeinschaft.

Freundschaftliche Geste

Über die bloße Darstellung der Generalstabsausbildung hinaus, die zwar den Kern des Vortrages des Akademiekommandeurs ausmachte, wies de Maizière nachdrücklich darauf hin, dass die Bundesrepublik „ihre nationale Sicherheit mit eigenen Kräften nicht mehr gewährleisten“ könne. Sie brauche „gute und starke Verbündete und Freunde“. Mit letzterem Wort rezipierte er wohl den damals in Gang gesetzten Prozess der „Deutsch-Französischen Freundschaft“, welcher wenige Monate später Anfang 1963 im sogenannten Élysée-Vertrag auch formell ratifiziert werden sollte – einschließlich der militärischen Zusammenarbeit. Strauß wiederum maß dem Erscheinen des General-Präsidenten an der Führungsakademie eine grundsätzliche, symbolische Freundschaftsgeste zu. Er sei die „bewegende Kraft“, von dem die „hohen europäischen Traditionen der Freiheit und des Rechts auszugehen vermögen“.

NATO ohne Frankreich

Noch konnte man den Worten de Gaulles freilich nicht entnehmen, dass er zeitgleich schon daran arbeitete, dass Frankreich den militärischen Arm der Nordatlantischen Allianz verlassen sollte. Ihm missfiel die US-Dominanz in Europa. Mit dem Ausscheiden Frankreichs aus der militärischen Organisation der NATO im Jahre 1966 hat de Gaulle der Verteidigung Europas Schaden zugefügt. Sein von der Vernunft geleitetes Augenmerk war in Hamburg erklärtermaßen darauf gerichtet, „in Zukunft Frankreich, Deutschland und deren Streitkräfte in die Bahn der Vereinigung und Freundschaft zu lenken“. Über die bestimmende Kraft in diesem Bund verlor er freilich kein Wort. Tatsächlich schwebte ihm ein kontinentales Bündnis unter französischer Führung mit westdeutscher Juniorpartnerschaft unter dem Dach der politischen Allianz vor.

Eine große Ehre

Gewiss war es ihm „eine Ehre“, wie er sagte, dass er die Angehörigen der Führungsakademie gleichsam stellvertretend für die gesamte Bundeswehr, die sich ja noch im Aufbau befand, besuchen konnte. Geradezu glücklich schätzte er sich, durch seine Worte die Gedanken der Anwesenden angeregt zu haben. De Gaulle machte wahrlich keinen Hehl aus seiner auch tatsächlichen, politischen Bedeutsamkeit dieser Zeit. Ob alle anwesenden älteren deutschen Offiziere den kameradschaftlichen Gestus jenseits der von der rationalen Vernunft geleiteten militärischen Zusammenarbeit vollumfänglich geteilt haben, ist schwer zu beurteilen.

Ambivalentes Verhältnis

De Gaulles Verhältnis zu Offizieren der Bundeswehr war nämlich höchst ambivalent. Gegen General Dr. Hans Speidel, einen der Befürworter der westdeutschen „Wiederbewaffnung“ in den 1950er Jahren und seit 1957 Oberbefehlshaber der Alliierten Landstreitkräfte mit Sitz in Fontainebleau, entfachte er eine politische Kampagne, die Speidels Vergangenheit betraf. Einerseits war General Speidel Angehöriger im Stab des deutschen Militärbefehlshabers in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs, was ihm Deportationsvorwürfe französischer Widerstandskämpfer, darunter Freunde de Gaulles, einbrachte. Zugleich aber stand Speidel dem Militärischen Widerstand gegen Hitler nahe, war nach dem 20. Juli 1944 verhaftet worden und nur knapp der Todesstrafe entgangen.

Nicht ohne ein letztes Wort

Andererseits, und dies war um 1960 politisch wohl gravierender, sah de Gaulle höchst ungern französische Soldaten unter einem deutschen Oberbefehlshaber. Auch verlangte er dessen Ablösung und Rückberufung nach Deutschland, was schließlich zum Erfolg führte. Binnen Jahresfrist nach dem Besuch des französischen Staatspräsidenten in Hamburg verließ der deutsche Vier-Sterne-General unter formeller Gesichtswahrung Fontainebleau. Er ging 1963 in den Ruhestand, aber nicht ohne vorher noch an gleicher Stelle, wie ein Jahr zuvor de Gaulle, zu den Angehörigen der Führungsakademie gesprochen zu haben.

Deutsch-französische Freundschaft

Wenn die Führungsakademie nun im Jahr 2017 an die 55-jährige Wiederkehr des Besuchs des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle erinnert, dann ist dieser Besuch zu sehen im Lichte der Jahrhunderte dauernden deutsch-französischen und europäischen Gewaltgeschichte und der großartigen Friedensleistung, welche damals wenigstens für einen Teil Europas grundlegend geformt worden ist. Die Anwesenheit de Gaulles am 7. September 1962 an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg reiht sich ein in diesen historischen Prozess. Seine Wirksamkeit entfaltet er bis heute.

Die Rede vom Akademiekommandeur vom 07.09.1962 zum Nachlesen

Die Rede von General Charles de Gaulle vom 07.09.1962 zum Nachlesen