Nah dran an den Krisen der Welt – Militärpolitik im Blitzlicht

Autor: Christiane Rodenbücher; Fotografin: Katharina Junge

Hamburg, 16.03.2017

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Sicherheitspolitische Herausforderungen der NATO und EU im Fokus

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Ideen zur Gründung der Bündnisse nach wie vor aktuell

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Teilnehmer erfahren die Motive des Wandels

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Wiermann: „Wir brauchen die NATO und EU dringender denn je“

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Tiefe Einblicke in die Militärpolitik

„Muss man Europas Sicherheit neu denken?“ Generalleutnant Hans-Werner Wiermann, Deutschlands militärischer Vertreter bei NATO und EU in Brüssel, hat die Lehrgangsteilnehmer der Generalstabs- und Admiralstabsdienstausbildung in seinem Vortrag auf eine brandaktuelle Zeitreise mitgenommen. Was macht unsere Sicherheit aus? Was hat sich verändert? In seinem Bericht sind sowohl seine umfangreiche, langjährige Expertise als auch umfassende Informationen aus einem sicherheitspolitisch virulenten Umfeld eingeflossen. Jüngste weltweite Entwicklungen stellen uns sowie die Alliierten, aber auch die NATO und die EU vor unerwartete, zahlreiche neue Herausforderungen.

Ohne EU keine Sicherheit

General Wiermann beginnt mit einem Zitat von Johnny Cash. „Wie soll ich wissen, wo ich hingehe, wenn ich nicht weiß, wo ich herkomme und wo ich bin?“ Wiermann setzt historisch am Ende des Zweiten Weltkrieges an. Deutschland ist ein zerstörtes Land. Es hat ein erhebliches Interesse, den europäischen Gedanken voranzutreiben. Und es hat Glück mit seinen europäischen Partnern. Denn die wollten das auch. Sie folgen der Grundannahme: In Europa kann es ohne die EU keine Sicherheit geben. Und er fügt hinzu: „Europa wäre ohne das amerikanische Engagement nicht zu verteidigen gewesen, daran hat sich bis heute nichts verändert.“

Treiber des Wandels

Weitere Veränderungen: die Entwicklungen in Russland. Die Annexion der Krim. Damit hatte keiner gerechnet. „Ist das eine Existenzgefährdung für die NATO-Mitglieder? Mit dieser Frage begann 2014 der ,Game changer´ - Kollektive Verteidigung ist wieder ein Thema, und mit dem Aufrechterhalten des Friedens sowie der Abschreckung muss die NATO 3.0 dem Krisenmanagement, der Kollektiven Verteidigung Alt und Neu, also allen drei Bereichen gerecht werden.“ Weiterer Treiber dieser Entwicklung ist auch die Migration („Afrika ist ein junger Kontinent voller Menschen ohne Perspektive“). Disruptive Faktoren spielen eine wichtige Rolle (Stichwort: USA, Großbritannien, Frankreich, Türkei). Aber auch der weltweite Terrorismus ist ausschlaggebend, nine eleven, ISIS. „Terrororganisationen agieren wie Staaten, das ist ein neues Phänomen.“

Notwendige Debatten

Heute werden NATO und EU in Frage gestellt. „Erstaunlich, denn wir brauchen sie dringender denn je.“ Viele Debatten über die Kohäsion der Allianz werden laut Wiermann heute geführt. „Sie müssen auch geführt werden, weil die Existenz der Organisationen in Frage gestellt wird.“ Mit der Fokussierung auf Russland und mit der Frage nach dessen Positionierung sowie dessen Interessenlagen schloss sich für die Zuhörer der Kreis einer globalen Betrachtung internationaler Krisen. General Wiermanns Schlussfolgerung aus dieser Betrachtung: „Bedeutet das eine reale Bedrohung für die NATO und ihre Länder?“ Klare Antwort: Ja. Anhand konkreter Beispiele verdeutlichte er einzelne Szenarios.

Politik der kleinen Schritte

Dabei wurde unter anderem deutlich, dass hybride Kriegsführung weiterhin eine unterschätzte Gefahr ist, dass das Militär nicht der einzige Akteur ist und die EU handlungsfähiger ist als die NATO aufgrund ihrer vielen zivilen Ressourcen. Außerdem zitierte der General die neue europäische Sicherheitsstrategie und sprach verschiedene Möglichkeiten an, mit Partnern Sicherheit neu zu denken. Er plädierte dabei vornehmlich für einen stetigen Dialog sowie Pragmatismus. „Häufig helfen die kleinen pragmatischen Schritte weiter als die große Vision.“

Militärpolitik mit Leib und Seele

Mit spannenden Einblicken in die Mission Enhanced Forward Presence schloss der General seinen Vortrag. Die Zuhörer waren begeistert, weil der Deutsche Militärische Vertreter beim NATO-Militärausschuss interessante Einblicke in seine Tätigkeit gewährt hat. Und weil deutlich geworden ist: Militärpolitik ist seine Herzensangelegenheit. Er ist mit Leib und Seele Militärpolitiker. Die beste Basis für gute Beziehungen auf dem internationalen Parkett.